Rede beim »Sounds for Climate«-Festival am 12. September 2026
14. September 2026
Klima, Krieg, Redebeitrag VVN-BdA Aachen
Hier das Manuskript unserer Rede, die in leicht gekürzter Form vorgetragen wurde.
Ich habe in meiner Jugend haufenweise und sehr gerne dystopische Science-Fiction-Filme gesehen. Ich weiß gar nicht, ob es dieses Genre überhaupt noch gibt oder was für Geschichten heute erzählt werden.
Damals wurde uns eine eher unangenehme Zukunft geschildert:/
- Minderheiten würden verfolgt, unterdrückt, ausgebeutet, getötet,
- Sicherheitsbehörden hätten Einblicke in die intimsten Bereiche der Bevölkerung und könnten nahezu ungezügelt — auch brutal — schalten und walten,
- Militär und Polizei wären omnipräsent,
- die Natur so weit zerstört, dass menschliches Überleben in feindlicher Umgebung nur mit massiver technischer Hilfe mögliche wäre,
- faschistoide oder faschistische Herrschaftssysteme erlebten eine neue Blütezeit,
- jeder Schritt im öffentlichen Raum würde von Kameras überwacht,
- gigantische weltumspannende Unternehmen mit schier endlosem Zugang zu Geld und Macht, würden die öffentliche Meinungsbildung manipulierten.
Ich höre besser auf; ihr seht schon, in welche Richtung das geht. Früher war das witzig. Es war völlig klar, dass solche Verhältnisse nie und nimmer Realität werden würden. Das war die pure Phantasie.
Es ist aber insgesamt seltsam — und sogar richtig gruselig –, dass je comic-artiger ein Film war, je alberner die Geschichte damals erzählt wurde, um so näher war man an dem dran, was wir heute vor uns sehen und wie wir das empfinden.
Wenn eines Tages Sylvester Stallone und Arnold Schwarzenegger als Dokumentarfilmer gelten, dann wissen wir, dass die Menschheit in ihrer Entwicklung irgendwo ganz falsch abgebogen ist.
Aber es gab natürlich auch die ganz anderen Ideen über das Leben in der Zukunft:
- Die Gesellschaft würde tolerant
- die Sprache gerechter sein
- alle Menschen dürften auf ihre eigene, persönliche Art glücklich werden
- das Zusammenleben wäre friedlich und von gegenseitigem Respekt geprägt
- Bildung und Gesundheitsversorgung stünden allen unterschiedslos zur Verfügung
- Geld würde nicht mehr gebraucht
- und nicht zuletzt würde die Vernunft in der Welt (oder der Galaxie) regieren …
Nun, die Bilanz ist eindeutig: Das hat nicht geklappt. Oder
- ist es vernünftig, eine Lobbyistin der fossilen Industrie an die Spitze des Ministeriums für Energie zu setzen? Heutzutage?
- ist es vernünftig, bei der Mobilität immer noch auf ein Konzept zu setzen, dass die Welt an den Abgrund geführt hat?
- ist es vernünftig, die Schere zwischen Arm und Reich in diesem Land immer weiter aufgehen zu lassen?Zuerst bei den Alleinerziehenden — denen, die eh in größter Armutsgefahr sind — den Rotstift anzusetzen?
- ist es vernünftig, Menschen aus fadenscheinigen Gründen in ein Land abzuschieben, das von religiösen Fanatikern angeführt wird? Ein Land — weil hier ein Musikfestival ist — in dem das öffentliche Musizieren verboten ist?
- ist es vernünftig, wissenschaftliche Fakten zu ignorieren — oder viel schlimmer: wissenschaftliche Fakten aktiv zu leugnen –, nur um den eigenen sehr bequemen, aber zerstörerischen Lebensstil weiter pflegen zu können?
- ist es denn vernünftig zu glauben, dass man einer rechtsradikalen, Nazi-Partei — die im übrigen verboten gehört — die Wähler*innen entzieht, indem man ihre Parolen nachplappert?Anstatt Rassismus und Diskriminierung jeder Art als solche zu bezeichnen und zu bekämpfen!
- ist es vernünftig, Unmengen finanzieller Mittel für das Militär, für Waffen, Krieg und Zerstörung auszugeben? Junge Menschen wieder an das Militär, den Kriegsdienst, den Krieg zu gewöhnen? Hier in Deutschland?
Ihr habt alle bestimmt noch viel mehr Beispiele dafür, wo sich gerade die Unvernunft Bahn bricht; das war nur eine kleine Auswahl von Themen, die mir gerade auf meiner zarten Seele liegen. Diese Liste lässt sich bedauerlicherweise noch sehr weit fortsetzen.
Auf jeden Fall ist offensichtlich, dass sich eine »Herrschaft der Vernunft« nicht etabliert hat. Das ist es aber nicht alleine. Wenn ich eines gelernt habe aus den Science-Fiction-Filmen damals, dann, dass es immer schlimmer kommen kann als man sich vorzustellen vermag — wenn man nichts dagegen unternimmt.
Als das größte Hindernis derzeit, eine vernünftige Politik in der Welt und in diesem Land durchzusetzen, sehe ich die Kriege weltweit, für uns speziell den Krieg in der Ukraine, an. Nicht nur, dass in diesem Krieg Menschen getötet und die Umwelt direkt zerstört — kurz: dass Leben vernichtet wird. Es werden nicht nur Unmengen Geld in die militärische Aufrüstung gesteckt. Ich sehe, dass dabei unsere Gesellschaft umgebaut wird — sie soll »kriegstüchtig« werden und viel zu viel Aufmerksamkeit wird auf dieses eine Thema gelenkt. Wo doch andere Themen viel dringlicher sind, viel mehr Aufmerksamkeit, Kraft und finanzielle Mittel brauchen und die Bedrohung durch die Klimakrise für uns ungleich größer ist. Was nützt es denn, einen Krieg zu gewinnen, wenn die Welt darüber untergeht?
Haben wir denn in diesem Land vergessen, wie Krieg aussieht? So lange liegt der letzte doch noch gar nicht zurück. Guckt in eure Bücher: Niemand wird jemals kriegstüchtig werden! Die Bundeswehr soll »konventionell zur stärksten Armee Europas« werden1 — das hatten wir schon und es ist nicht ein einziges Mal gut ausgegangen.
Um es direkt zu sagen: Für den Einmarsch Russlands in der Ukraine gibt es keine Entschuldigung; dieser Krieg hätte niemals entfesselt werden dürfen. Er ist eine Katastrophe. Aber es gibt auch keine Entschuldigung, nicht alles dafür zu tun, dass wieder Frieden herrscht.
Stattdessen wird dieser Krieg immer weiter hinausgezögert. Ein Ende ist nicht absehbar. Es wird eskaliert und Angst gemacht. Von allen Seiten! Er wird genutzt, unser aller Gedanken von den tatsächlich noch viel größeren Problemen, die die gesamte Erde zu zerstören drohen, abzulenken. Manchmal denke ich, diese Kriege wurden von alten weißen Männern nur deshalb entfacht, damit wir davon abgelenkt werden, dass sie und ihresgleichen schon längst einen noch viel größeren Schaden angerichtet haben. Vielleicht wollen sie aber auch noch viel weiter gehen.2
Stattdessen sollen wir uns daran gewöhnen,
- dass Werke, die bis gestern Autos produziert haben, jetzt Panzer, Drohnen und Raketen bauen
- dass die Bundeswehr schon Kinder anwirbt
- dass die für Aachen notwendige Frischluftschneise in der Beverau zugebaut wird
- dass an jeder Bushaltestelle Werbung für das Militär gemacht wird
- dass wieder in fast jedem Zug, den wir besteigen, Soldaten in Uniform mitfahren
- Unsere Nachbarländer sollen sich daran gewöhnen, dass Deutschland wieder die stärkste Armee Europas stellt. Und gleichzeitig strebt eine faschistische Partei nach der Ergreifung der Macht?
Das muss aufhören! So schnell wie möglich! Bevor es zu spät ist. Nicht nur, damit nicht noch ein viel größerer Krieg — mit uns mittendrin — ausbricht, sondern weil wir jeden Cent und jeden Menschen brauchen und weil jede weitere Minute Zögern fatal ist. Denn der wahre Gegner — den wir uns selbst erschaffen haben — ist sehr viel größer und sehr viel stärker.
Dabei ist es ganz einfach:
- Lasst in den (ehemaligen) Autofabriken Busse, Straßenbahnen und Züge, Wind- und Fahrräder bauen
- Zeigt unseren nicht Kindern nicht, wie sie mit Waffen umgehen, sondern wie sie diese Welt eine bessere machen können
- Frischluftschneisen, Moore und insgesamt Gebiete, aus denen sich der Mensch heraus hält, brauchen wir nicht weniger, sondern sehr viel mehr
- Lasst neue Haltestellen entstehen und lasst sie öfter anfahren
- Baut den Zugverkehr aus
- Schließt nicht nur Frieden mit allen Nachbarländern, sondern arbeitet mit allen Ländern, Regierungen, Menschen dieser Welt daran, dass die Erde nicht weiter zerstört wird, sondern blüht und lebt
Es gibt so viele Ideen da draußen; vieles wird schon getan, viele Wege tun sich bereits auf und geben uns Anlass zu Hoffnung. Leider sind im Moment diejenigen Stimmen, die nach Hass und Zerstörung rufen, viel zu laut und es scheint, als wäre der Weg in eine gute Zukunft für alle verbaut.
Aber es gibt ihn und er liegt direkt vor uns. Wir müssen ihn nicht nur gehen, sondern wir müssen viele andere davon überzeugen, ihn mit uns zu gehen. Und wir müssen endlich aufhören, Energie, Zeit und Geld in das zu stecken, was diese Welt kaputt macht.
Wir haben
- kein Geld
- keine Zeit und
- keine Kraft
für eure Kriege — wir müssen eine Welt retten!
Fußnoten
- Regierungserklärung von Friedrich Merz im Bundestag am 14. Mai 2025 ↩︎
- … und in einem dritten Weltkrieg die Menschheit ausrotten, damit die Zerstörung der Umwelt und ihre schmähliche Rolle dabei der Vergessenheit anheim fällt. ↩︎








