Ma Bistar! Vergesst nicht! – Eine Neueinweihung und Gedenken

geschrieben von VVn-BdA Aachen

9. August 2018

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Mindestens 60 Menschen fanden sich, trotz der noch immer herrschenden Hitze, am frühen Abend des 2. August am Roma-Mahnmal am Hauptbahnhof in Stolberg zusammen. Eingeweiht werden sollte an diesem Abend die jetzt fertiggestellte Gesamtanlage um das Mahnmal. Aber auch an die Deportation von 37 Menschen aus Stolberg nach Auschwitz, vor 75 Jahren, und ihre Ermordung sollte erinnert werden. Eingeladen hatten die Gruppe Z – Stolberg (Zukunft ohne Fremdenhass, Faschismus und Krieg; gegen das Vergessen) und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes-Bund der Antifaschist*innen (VVN-BdA) Aachen.

Ein Exkurs

Roma-Mahnmal Stolberg RadSeit 1995 gibt es an diesem Ort ein Mahnmal. Zunächst ein Wagenrad mit einer gebrochenen Speiche, notdürftig geflickt mit einem Seil, auf einer Schiene stehend, auf zwei Betonsockeln. Eine Tafel aus Edelstahl verzeichnet die Namen der Menschen. Aufgestellt haben es VVN-BdA Aachen und Roma Union Grenzland.

2013 errichteten Gruppe Z – Stolberg und VVN-BdA Aachen dann ein neues Mahnmal. Das Rad aus Holz musste durch ein Mahnmal aus haltbarerem Material ersetzt werden. Eine Stele aus belgischem Granit. Ausgeführt vom Stolberger Steinmetz André Hennecken, nach Ideen von Gruppe Z – Stolberg und André Hennecken. Ermöglicht wurde die Errichtung dieses neuen Mahnmals durch die Unterstützung der Stadtverwaltung Stolberg und durch großzügige Spenden.

Seit 1995 wird an diesem Ort, Anfang März, der 37 Menschen gedacht. Das Motto des Gedenkens findet sich auf der Stele wieder: Ma Bistar! Vergesst nicht!

Was war in Stolberg geschehen?

2. März 1943 – 37 Menschen, 17 von ihnen sind Kinder und Jugendliche, werden von der Kriminalpolizei aus ihren Wohnungen geholt und zum Hauptbahnhof Stolberg geschafft. Sie lebten an der Eschweilerstraße, am Stadtrand von Stolberg. Ihr „Verbrechen“? Sie gehörten der Ethnie der Roma an. Mit der Bahn wurden sie deportiert nach Auschwitz-Birkenau, in das sogenannte „Familienlager“ oder „Zigeunerlager“. Sie alle wurden dort ermordet. Der Jüngste, Gustav Wassilkowitsch, durfte nicht einmal zwei Jahre alt werden. Der Platz vor dem Hauptbahnhof trägt seit 2007 seinen Namen.

Warum in diesem Jahr nicht am 2. März?

Durch umfassende Umgestaltungsarbeiten der Rhenaniastraße und des Gustav-Wassikowitsch-Platzes war es nicht möglich das Gedenken am 2. März durchzuführen.

Warum der 2. August?

Der 2. August gilt den Sinti und Roma als Sinnbild für den Porajmos (Romanes: das Verschlingen) und ist der Tag des Gedenkens an den Völkermord an den Sinti und Roma.

Am 16. Mai 1944 sollten alle noch im „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau lebenden Menschen, es waren ca. 6000, ermordet werden.

Tadeusz Joachimowski, ein politischer Häftling, der als Schreiber dem „Zigeunerlager“ zugeteilt war erhält von Lager- und Rapportführer Bonigut, der diese Entscheidung missbilligt, den Auftrag die „Zigeuner“ zu warnen. Er wendet sich an Josef Steinbach und den Blockältesten Paul Wagner.

Die Gefangenen beschlossen, sich nicht in ihr mörderisches Schicksal zu ergeben, sondern zu kämpfen. Willi Ernst, einer der Häftlinge, erinnerte sich:

Wir wollten nicht kampflos in die Gaskammern gehen. Daraufhin haben sich alle, so gut es irgend ging, bewaffnet. Ich selbst besaß ein Messer, andere hatten Werkzeuge und Knüppel.“ Dazu kamen Steine, Äxte, Spaten und Brecheisen. (1)

Transparent_Schwur von Buchenwald

Der Versuch der SS das „Zigeunerlager“ zu liquidieren scheitert am entschlossenen Widerstand. Die SS befürchtet ein gewaltsames Brechen des Widerstandes würde zur Ausweitung der Unruhen im gesamtem Lager Auschwitz-Birkenau führen. In der Folgezeit werden die arbeitsfähigen Sinti und Roma in andere KZ deportiert. Die Männer nach Buchenwald und Mittelbau-Dora, die Frauen nach Ravensbrück. Zurück bleiben Schwache, Alte, Frauen und Kinder.

In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 werden die noch im „Zigeunerlager“ verbliebenen etwa 3000 Menschen in den Gaskammern ermordet. Es ist niemand mehr da, der noch Widerstand leisten könnte.

Einweihung / Gedenken

An das Schicksal, das diese Menschen erlitten haben, aber auch an die faschistischen Verbrechen erinnern Redebeiträge, aufgelockert durch Musik. Die Geschichte des Mahnmals und die Anfänge des Gedenkens an die Stolberger Roma, der Aufstand der Roma in Auschwitz und ihre Ermordung und die Geschichte einer Roma-Familie, die es nach dem Krieg nach Stolberg verschlagen hat sind die Themen.

Mahnmal mit Nelken

Und heute?

Eindrucksvoll schildert ein Stolberger Rom die Verhältnisse unter denen Roma im Norden Mazedoniens „leben“ müssen und die schönfärberische Politik und Selbstdarstellung der EU.

Ein weiter Beitrag beleuchtete den erschreckenden und beschämenden Umgang der Behörden in der Städteregion Aachen mit Sinti und Roma.

Grußworte

Ein Mahnendes Grußwort kam von Les Territoires de la Mémoire aus Belgien.

Mit Les Territoires de la Mémoire hat die VVN-BdA Aachen im März 2018 ein zweisprachiges Seminar zum Thema „Lebensborn“ durchgeführt. Stattgefunden hat das Seminar im Château Wégimont, nahe Lüttich, mit vielen belgischen und deutschen Interessierten.

Das Château Wégimont war von März 1943 bis September 1944 das einzige „Lebensborn-Entbindungsheim“ in Belgien. Die deutschen Besatzer führten es unter dem Namen „Ardennen“.

Zum Schluss noch ein Zitat aus dem Grußwort des Bürgermeisters der Stadt Stolberg, dem sich die Gruppe Z – Stolberg und die VVN-BdA Aachen vorbehaltlos anschließen können.

Es ist sehr wichtig, die Erinnerung an das Schicksal der Opfer und die Verbrechen der Täter lebendig zu halten, und dass diese Erinnerung auch an die nachfolgenden Generationen weitergegeben wird.“
Dr. Tim Grüttemeier, Bürgermeister der Stadt Stolberg

Am Abend zuvor gab die Gruppe antifa en détail aus Aachen in einem Vortrag einen Überblick über die Geschichte der Sinti und Roma bis heute.

Foto Mahnmal Wagenrad: privat
Alle anderen Fotos U. Beitzel

1 https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article128090978/Wir-wollten-nicht-kampflos-in-die-Gaskammern.html